Um zum Rückkehrer zu werden muss man gehen

Nun nach einer kurzen Babypause die Weiterführung dessen, was im November 2018 begann, der Rückkehrerblog.

Um zum Rückkehrer zu werden muss man gehen. Warum gehen junge Menschen? Ich bin 1999 mit 18 Jahren nach dem Abitur aus meiner Geburtsstadt Karl-Marx-Stadt, die schon da wieder ihren „Mädchennamen“ Chemnitz angenommen hatte, weggegangen. Zu einem Freiwilligendienst in einer Lebensgemeinschaft von Behinderten und Nicht-Behinderten aus verschiedensten Ländern in Schottland, im rauen Norden der britischen Inseln. Der Grund, weshalb ich direkt nach dem Abitur ins englischsprachige Ausland gegangen bin war, dass wir in der Schule beigebracht bekommen haben, dass man ohne perfektes Englisch und einen längeren Auslandsaufenthalt in der Vita im Berufsleben heut zu Tage keine Chance hat. Zumindest Ersteres hat sich als Wahrheit herausgestellt, da die aktuelle wissenschaftliche Fachliteratur häufig nur auf Englisch verfügbar ist.

Wenn man mich jetzt fragt, ob ich nochmal gehen würde, dann sage ich laut und deutlich: Ja.

Beitrag von Kersten

Nun war ich aber nicht nur ein paar Monate Englisch lernen und die Rubrik „soft-skills“ in meiner Vita aufpolieren, sondern ich habe ¼ meines Lebens im Ausland verbracht. Würde man mich jetzt fragen, ob ich wieder so lange weg bleiben würde, dann sage ich laut und deutlich: Ja.

Ich möchte an einem Beispiel aus meinem Fachgebiet erklären warum. In der Chirurgie gibt es Operationen, die sind gefährlich, aber die nicht-operative Alternative ist die Beerdigung. Das sind Operationen, da gibt es für die meisten Menschen keine Frage, ob man sie durchführen soll oder nicht. Und wenn es den Menschen danach nicht sehr gut geht, dann sagen sie sich zufrieden: „Sei froh, dass Du nicht gestorben bist.“ Auf der anderen Seite gibt es Eingriffe für weniger dramatische Situationen. In diesem Fall ist es so, dass für den Patienten die Möglichkeit einer Besserung, aber auch einer Verschlechterung besteht. Die Verbesserung ist die von allen angestrebte Situation und tritt ein, wenn alles gut läuft. Treten unvorhergesehene Probleme auf, bleibt dem Patienten die erhoffte Verbesserung der Lebensqualität verwehrt und der Patient beginnt seine Entscheidung zu hinterfragen. Für den Betreffenden beginnt ein Gedankenkarusell mit dem er immer wider an dem Punkt vorbei kommt an dem er sich „flasch“ entschieden hat. Der Patient sagt unzufrieden: „hätte ich das bloss nie gemacht“.

Überträgt man das erstere Szenario auf die Migration von Menschen, so wird die Situation eines Flüchtlings beschrieben, dessen Leben dort, wo er wohnt durch Naturkatastrophen oder Krieg bedroht ist. Er kann nicht anders als fliehen. Wenn dieser Mensch in Ostdeutschland in einer Massenunterkunft Aufbackbrötchen und eine Flatrate Erbsensuppe bekommt, dann denkt er zufrieden: „Sei froh, dass Du nicht gestorben bist“. Die Situation des Rückkehrers aus den alten Bundesländern oder anderen Staaten der 1. Welt stellt deutlich weniger dramatisch dar. Auf den ersten Blick zumindest, denn der Rückkehrer hat genau wie der Patient im zweiten Szenario die Möglichkeit sich zu entscheiden. Entscheidet er sich dafür in seine Heimat zurück zu kehren besteht, wenn alles gut geht, die Chance einer Verbesserung der Lebensqualität. Durch die Nähe zur Familie, mehr Zeit durch kürzere Wege und einen kleinen Egobonus durch die Bewunderung, die ihm oder ihr für seinen oder ihren Mut entgegen gebracht werden. Es kann aber auch anders laufen und man gewinnt für die letzten 2 Euro eine Fahrt im Gedankenkarusell. Man denkt sich unzufrieden: „hätte ich das bloss nie gemacht“.

Daher scheint es mir wichtig zu sagen, dass es nicht wirtschaftliche Gründe sein sollten, die einen zurückkehren lassen, dorthin wo man ein gewisses „Hausrecht“ besitzt, sondern die Freude darüber, dass man sein „eigenes Zuhause“ so gestalten kann, wie man will.

Wir sind wahrscheinlich die am weitesten gereiste Generation die es je gab, aber das hat seinen Preis und gerade gehen unsere Kinder jeden Freitag auf die Strasse, weil sie von uns verlangen, dass wir konsequent auf Reisen und Konsum verzichten um ihre Lebensgrundlage zu erhalten und unsere Eltern sind traurig und einsam in Pflegekassernen untergebracht weil wir für einen Job weggezogen sind.

Würde man mich jetzt fragen, ob ich wieder zurück kehren würde, dann sage ich laut und deutlich: Ja, denn seine Arbeit kann man überall machen aber eine Familie in der die Alt-68er zusammen mit den Blumenkindern von heute die Welt retten können gibt es nur, wenn WIR die Senior-Hippies und die Lehrlinge zusammen bringen. Und selbst wenn das Karusell den Rückkehrer mal ab und zu mitnimmt, dann ist die Freude über die Familie und die Freunde die unten stehen und winken sicher grösser als der Frust bezüglich der versenkten 2 Euro ☺

Deshalb geht voran und kommt zurück.