nur für ein jahr sollte es sein

1989 Wendezeit, wie in vielen Betrieben wurde auch über die Zukunft des Bergbaues, der damaligen Wismut, in diesen Jahren entschieden. Für viele von uns Bergleuten, die in Aue, Alberoda oder wie ich in Pöhla gearbeitet haben, ging auch für uns das Licht im Schacht langsam aus. Bei aller Euphorie die im Vorfeld mit der Wende einher ging, war es doch eine große Ernüchterung, dass eine ganze Region plötzlich den bis dahin sicheren Arbeitsplatz verlieren sollte. Gerade noch war ich von der Armee nach eineinhalb Jahren zurückgekehrt. Nun freute ich mich als junger Kerl auf zu Hause und auf Freunde und wollte eigentlich Geld verdienen. 

 

Klar ging es in den verschiedenen Bergbaubetrieben noch eine Weile mit Rückbau weiter. Aber wer von den Bergleuten sich selbst um andere Arbeit kümmerte, dem winkte eine nicht unbeachtliche Abfindung. Viele nahmen das Geld und suchten sich eine andere Arbeit. Keine einfache Zeit für die meisten von uns im Erzgebirge! Viele damalige Kollegen sah ich später als Pendler unterwegs auf dem Weg zu ihren Arbeitsplätzen, die natürlich nicht mehr im Erzgebirge waren.

Zu meinem Berufsabschluss gehörte damals der LKW Führerschein. Zwar nur auf einem IFA W50, aber das musste erstmal reichen, denn der Osten hatte ja großen Nachholbedarf an Produkten aus dem Westen und so kam ich schnell in Arbeit. In einem Jahr sollte sich der Arbeitsmarkt wohl soweit erholt haben und dann, ja dann würde ich schnell wieder etwas Passendes finden.

Klar, nur ein Jahr würde ich das machen! 

Inzwischen war unser erstes Kind da und so kam zu Haus herum sitzen für mich nicht in Frage. Hatte ich am Anfang noch im Ort bei einem Privatbetrieb Arbeit in dem ich mit einem W50 mit Anhänger Waren aus Marktredwitz holte oder vom Milchhof in Aue die Geschäfte und Schulen im Kreis mit Frischmilch versorgte so ging es nach und nach auf größere LKW und auf weitere Strecken. Natürlich gab es bei Zeiten die Überlegung, dass wenn schon nicht zu Hause, dann kann man auch gleich im Westen arbeiten. Anfangs war das noch recht unüberlegt. So ging es zum Beispiel bei meiner ersten Anstellung in den alten Bundesländern sonntags um 19.00 Uhr mit dem PKW los nach Aschaffenburg. Auch mit dem ersten ,,Westauto“, damals noch eine halbe Weltreise. Die heutige A72 Chemniz-Hof war einspurig und glich eher einer Landstraße als einer Autobahn. Ab Münchberg war das Weiterfahren nur noch per Landstraße möglich, um Würzburg zu erreichen. Heut kaum mehr vorstellbar. 

Stellenweise war ich acht bis zehn Stunden unterwegs zum Arbeitsplatz. Dann in den LKW und weiter ging es die nächsten acht oder neun Stunden. Zurückdenken was man alles auf sich genommen und sich und den Liebsten zugemutet hat, möchte man eigentlich nicht. Das schwerste war und blieb immer der Abschied von der Familie daheim. Meine beiden Mädels im Rückspiegel weinen zu sehen, hat auch mir manche Träne beschert. 

Abwechslung brachten allerdings die Länder, die man jetzt erreichen konnte. Italien, Frankreich, Spanien, Belgien, Holland, Schweiz; davon hatte man ja vor der Wende nur träumen können. Unterwegs lernte man viele Leute kennen. Auch viele Pendler aus dem Erzgebirge. So konnte ich dank eines Tipps schnell den weiten Arbeitsweg nach Aschaffenburg beenden. Ich fand eine neue Arbeitsstelle im fränkischen Himmelkron. Zwei Stunden Arbeitsweg waren nahezu lächerlich gegen das was ich anfangs zurückgelegen hatte. Jetzt konnten sogar meine Frau und meine kleine Tochter ab und an einmal mitfahren. Für uns jedes Mal wie ein kleiner gemeinsamer Urlaub! Die Heimkehr ins heimatliche Erzgebirge wurde nun planbarer. Nur einmal in dieser Zeit dachten wir in all den Jahren laut über einen Umzug in den Westen nach. Eltern, Geschwister und Freunde zu verlassen war aber letztendlich keine Option und so blieb immer die Hoffnung, dass es doch einmal klappt mit der Arbeit im Erzgebirge. Handy oder Autotelefon gab es zu dieser Zeit noch nicht. So hatten wir aber das Glück eine Telefonzelle vor unserer Haustür zu haben. Ein Zeitfenster in dem ich fast täglich versuchte anzurufen. Das war unsere Möglichkeit der Kommunikation. Unvorstellbar in der heutigen Zeit! Eine Telefonkarte in Italien für 10000 Lire (heute ca. 10 Euro) ließ uns 10 Minuten Zeit, um alles Wichtige zu bereden. Doch die Technik entwickelte sich weiter. Die ersten Mobiltelefone von der Größe eines Aktenkoffers hielten Einzug. Einerseits gut was das Private angeht, aber von den Kosten her war auch das nicht viel billiger. Die Arbeitsbedingungen verschlechterten sich seitdem allerdings. So war keine Tour mehr sicher. Stress und Hektik kam in den Job. Schließlich war man erreichbar und Europa war offen. Ein Anruf und schon war die Tour oder das Wochenende im Eimer, auf welches man sich schon so gefreut hatte. Auf viele gemeinsame Wochenenden hat unsere kleine Familie verzichten müssen. Es wurde nach zehn Jahren Zeit für eine Veränderung. Also Abschied von all den schönen warmen Ländern und von wirklich tollen Kollegen. Noch heute, also 20 Jahre später haben wir Kontakt und treffen uns so oft es geht zu einem gemütlichen Treffen und reden über alte Zeiten. Zusammenhalt unter Kollegen, wie ich ihn in diesem Beruf später nicht mehr gefunden habe. Es folgte 1999 mein erster Versuch wieder im Erzgebirge Fuß zu fassen. Arbeit im Ort und jeden Tag zu Haus. Allerdings war uns dieses Glück nur für ein Jahr gegönnt. Ein Kunde der nicht zahlen konnte riss die Firma von heut auf morgen mit in die Insolvenz. Alles Schlechte hat auch etwas Gutes. So bekam ich Erfahrung im Umgang mit Fahrzeugen, mit Kippern. Diese Arbeit und Erfahrung sollte mich dann viele Jahre begleiten. Allerdings hatten wir den Glauben verloren, hier daheim anständig bezahlte Arbeit zu finden. Also machten wir, ein Kollege und ich, uns wieder auf den Weg in die alten Bundesländer. Man hatte sich einen gewissen Lebensstand geschaffen auf den man nicht mehr wirklich verzichten wollte. Fündig wurden wir in Kulmbach. Streu und Speisesalz hieß ab jetzt das Zauberwort. Jedes Wochenende daheim, war für unser Familienleben wichtig, und darauf wollte ich auch nicht mehr verzichten. Inzwischen hatten wir geheiratet und auch das zweite Kind war da, Zeit für mich kurz auszuschweifen! 

Trotz, dass ich in all den Jahren nie richtig zu Hause gewesen bin, war ich doch für die wichtigsten Ereignisse in meinem Leben daheim, ob wunderschön oder sehr traurig. Eigentlich unglaublich, wenn man bedenkt das ich mehrere Tage und Wochen unterwegs und bis auf wenige Tage Urlaub auch nicht planen konnte. So hatte ich das große Glück, bei beiden Endbindungen meiner beiden Kinder dabei sein zu dürfen. Und ich konnte meinen Vater in seiner letzten Stunde begleiten. Ich hätte all das gerade wegen der ständigen Trennung nicht in der Fremde ertragen können. Für diese Momente bin ich sehr dankbar. Schwer jetzt wieder zurück zu finden, aber die Kinder, meine Frau, meine ganze Familie und Freunde haben mir immer wieder neue Kraft gegeben.

An Arbeit zurück in der Heimat hat aber keiner von uns wirklich mehr geglaubt. Man hatte sich mit der Situation abgefunden. Die Kinder wurden größer und machten mehr und mehr ihr eigenes Ding. Es hatte sich halt alles eingespielt. Zeit auch mal wieder an mich zu denken. So konnte ich dank meiner Freunde mein Hobby greifbar machen. Nicht ganz mit dem Segen der Familie, aber Motorsport hatte auch dank meines Vaters schon immer einen recht großen Stellenwert in meinem Leben. Seit 2008 betreibe ich nun Automobilrallyesport auf nationaler Bühne. Seit 2010 mit einem eigenen kleinen Rallyeteam. Mir geht’s nicht um Meisterschaften, sondern einfach um die Sache an sich. Motoren, Technik und fahren am persönlichen Limit, gekoppelt mit Freundschaft und Teamgeist ist ein toller Ausgleich zu stundenlangem eintönigem Fahren mit dem LKW. Wenn auch nicht ganz ungefährlich. Es ist und bleibt aber auch weiterhin ein Hobby! Ich bin sehr dankbar so tolle Freunde und Unterstützer zu haben ohne die das alles nicht möglich wäre. Beruflich ging es nach 16 Jahren in Kulmbach für mich 2016 nach Regensburg. Eine ganz tolle Firma, für die ich bis heute sehr gern gearbeitet habe. Die Pendelei mit dem PKW hatte nun ein Ende, denn der LKW konnte mit nach Hause genommen werden. So ging es für mich erst montags in der Früh los und Freitag ging es heim. Das ganze Umfeld passte sehr gut. Die Arbeitsmarktlage in Sachsen hatte sich inzwischen auch gebessert trotzdem hatte ich nicht über eine Rückkehr nachgedacht. 

Eine Anfrage im Sommer dieses Jahres ließ mich allerdings recht intensiv darüber nachdenken, ob es nicht doch langsam Zeit wird endlich wieder Heim zu kommen. Die Arbeitsmarktlage ließ es derzeit zu, auch als Quereinsteiger in Berufe zu finden, bei denen man sich sonst chancenlos sah. Auch wenn ich mich gerade beruflich sehr wohl fühlte, aber die Rückkehr nach Hause ins Erzgebirge war doch eigentlich immer der größte Wunsch geblieben! 

Denn immerhin sollte es ja nur für ein Jahr sein! 30-Jahre sind daraus geworden!! 

Vieles hat sich verändert. Inzwischen bin ich auch Opa eines bezaubernden kleinen Mädchens. So klein wie das Mädchen, welches damals immer am Fenster stand und geweint hatte, wenn ich nach nur einem Tag daheim schon wieder losmusste. 

Ich beginne mit nun fast 52 Jahren noch einmal eine Ausbildung. 

Ziel nach über einem Jahr soll es sein, das ich anderen Menschen das Fahren im heutigen Straßenverkehr beibringen darf. Ganz sicher keine leichte Aufgabe, auch wenn man glaubt mit mehr als 4,5 Millionen Kilometern genug Fahrpraxis zu haben. Auf die Ausbildung, die ich mit großer Unterstützung der Fahrschule Uwe Hübner in Schwarzenberg und der Agentur für Arbeit beginnen werde und welche mich dann später für immer im Erzgebirge arbeiten lässt bin ich jedenfalls schon sehr gespannt. 

Der Anfang ist gemacht und die Zusage für eine feste Einstellung nach der Ausbildung habe ich auch. Klar braucht’s erstmal Mut, die eingefahrene Schiene zu verlassen und sich auf vieles Neues einzulassen. Ich freue mich auf die abwechslungsreiche Arbeit, meine Freunde, meine Familie und vor allem auf meine Frau, die all die Jahre das alles mitgemacht hat. Nicht selbstverständlich in dieser schnelllebigen Zeit. Ich weiß, dass es viele wie mich gibt! Viele, die immer überlegen ob es noch was anderes gibt wie das, was sie seit der Wende machen. Eingefahrene Strukturen und Gewohnheiten, denkt einfach mal drüber nach.

Denn für einen Neuanfang in der Heimat ist es nie zu spät!